Nach einem aktuellen Bericht der US-Wetterbehörde NOAA liegt die Wahrscheinlichkeit für einen sehr starken El Niño im Herbst und Winter 2026/27 bei mehr als 90 Prozent. Für Oktober bis Dezember besteht zudem eine Wahrscheinlichkeit von 69 Prozent für ein Ereignis, das stärker wäre als alle seit 1950 beobachteten El Niños. Das könnte die globale Temperaturentwicklung und die Niederschlagsverteilung in vielen Regionen der Erde beeinflussen.
Meeresoberflächentemperaturen im tropischen Pazifik
Im tropischen Pazifik zeichnet sich derzeit ein außergewöhnlich kräftiger El Niño ab. Nach der jüngsten Analyse des Climate Prediction Centers hat sich das Phänomen im vergangenen Juli weiter verstärkt (Abb. 1).
Abb. 1: Karte der Anomalien der Meeresoberflächentemperatur im tropischen Pazifik im Juli 2026 (Referenzperiode: 1991–2020). Besonders deutlich ist die Erwärmung im zentralen und östlichen äquatorialen Pazifik sichtbar. Quelle: NOAA, Climate Prediction Center. Abgerufen am 25.08.2026.
Zur Charakterisierung des ENSO-Zyklus gibt es Indizes, die auf Durchschnittswerten der Anomalien der Meeresoberflächentemperatur (Referenzperiode: 1991–2020) in bestimmten ozeanischen Regionen basieren (Abb. 2). In der Region Niño 3.4, die für die Bewertung von El Niños besonders wichtig ist, betrug die Abweichung im Monatsmittel +1,4 Grad Celsius. In der weiter östlich gelegenen Region Niño 1+2 wurden sogar +2,9 Grad Celsius registriert. Diese hohen Anomalien sind Anzeichen für einen kommenden starken El Niño. Auch unterhalb der Meeresoberfläche steigen die Temperaturen. Die US-Wetterbehörde NOAA registrierte dort Temperaturabweichungen von bis zu +10 Grad Celsius. Gleichzeitig haben sich die typischen Veränderungen der atmosphärischen Zirkulation ausgebildet. Die Passatwinde sind abgeschwächt beziehungsweise verändert, während Niederschläge und Konvektion über dem zentralen und östlichen Pazifik zugenommen haben. Damit zeigen sowohl die Atmosphäre als auch der Ozean bereits jetzt ein für El Niño charakteristisches Muster.
Abb. 2: Zur Charakterisierung des ENSO-Zyklus werden verschiedene Regionen herangezogen: Niño 1+2, Niño 3, Niño 4 und Niño 3.4. Quelle: NCAR. Abgerufen am 25.08.2026.
US-Wetterbehörde NOAA erwartet einen sehr starken El Niño
Noch deutlichere Auswirkungen können beim Blick auf die Prognosen erwartet werden. In ihrer am 13. August 2026 veröffentlichten ENSO-Vorhersage geht die US-Wetterbehörde NOAA von einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent für einen sehr starken El Niño im Herbst und Winter 2026/27 aus. Für die Monate Oktober bis Dezember liegt die Wahrscheinlichkeit eines außergewöhnlich starken Ereignisses bei 69 Prozent. Diese Wahrscheinlichkeiten haben in den vergangenen Monaten zugenommen. Dabei definiert die Behörde diese Kategorie über einen relativen Niño 3.4-Wert von mindestens +2,5 Grad Celsius über einen Zeitraum von drei Monaten. Ein solcher Wert würde die Stärke aller seit 1950 erfassten El Niño-Ereignisse übertreffen. Die Prognose bedeutet allerdings nicht, dass automatisch überall extreme Wetterverhältnisse auftreten werden. El Niño verändert die Wahrscheinlichkeit bestimmter Wetterlagen, legt sie aber nicht im Detail fest.
Folgen eines El Niños
Zu einem El Niño gehört eine starke Erwärmung des zentralen und östlichen tropischen Pazifiks. Dadurch verändert sich die großräumige atmosphärische Zirkulation und die Verteilung von Niederschlägen. Deshalb erwartet die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) in den kommenden Monaten deutliche regionale Auswirkungen. In ihrer Ende Juli veröffentlichten Einschätzung geht sie davon aus, dass sich der bereits aufbauende El Niño im Zeitraum August bis Oktober 2026 weiter intensivieren wird. Die WMO erwartet für diesen Zeitraum einen starken El Niño und saisonale Anomalien der Meeresoberflächentemperaturen von mehr als 2,9 Grad Celsius. Gleichzeitig werden weltweit überdurchschnittliche Temperaturen erwartet. Bei den Niederschlägen zeichnet sich ein typisches El Niño-Muster ab. In einigen Regionen steigt die Wahrscheinlichkeit für außergewöhnlich viel Regen, während andere Gebiete mit erhöhter Trockenheit rechnen müssen. Im gesamten Großen Horn von Afrika werden feuchtere Bedingungen erwartet, wie auch in Teilen von Zentralasien, Südeuropa, Westnordamerika und Südost-Südamerika. Im Gegensatz dazu sind trockenere Bedingungen auf dem indischen Subkontinent wahrscheinlicher, aber auch in Nordwest-Südamerika, Nordeuropa, Süd- und Ostaustralien und in Teilen der Karibik.
Klimawandel und El Niño
Besonders relevant ist El Niño vor dem Hintergrund der bereits außergewöhnlich hohen globalen Temperaturen infolge des Klimawandels. El Niño selbst ist ein natürliches Wetterphänomen. Es kann sich jedoch die globale Temperatur vorübergehend deutlich erhöhen. Das liegt daran, dass während eines El Niño-Ereignisses große Wärmemengen aus dem tropischen Pazifik an die Atmosphäre abgegeben werden. Ein starker El Niño kann deshalb die globale Mitteltemperatur für ein bis zwei Jahre zusätzlich nach oben treiben.
Fazit
Die aktuellen Beobachtungen und Prognosen deuten auf einen außergewöhnlich starken El Niño im Herbst und Winter 2026/27 hin. Es könnte sogar der stärkste seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen werden. Sicher ist jedoch, dass die ungewöhnlich warme Pazifikregion in den kommenden Monaten die globale Temperaturentwicklung und die Wetterverhältnisse in zahlreichen Regionen beeinflussen wird.