Die Atlantische Meridionale Umwälzzirkulation (AMOC) gilt als eines der wichtigsten Elemente des globalen Klimasystems. Seit Jahren wird diskutiert, ob die zunehmende Erwärmung und das Abschmelzen des Grönlandeises einen abrupten Zusammenbruch dieser Meeresströmung auslösen könnten. Eine neue Studie in der Fachzeitschrift Science Advances kommt nun zu dem Ergebnis, dass das zusätzliche Schmelzwasser die Abschwächung der AMOC zwar deutlich verstärkt. Jedoch gibt keine Hinweise auf einen plötzlichen oder unumkehrbaren Kollaps.
Was ist die AMOC?
Die AMOC ist ein wichtiges ozeanisches Förderband (Abb. 1). Sie befördert warmes salzreiches Oberflächenwasser an der nordamerikanischen Ostküste entlang in Richtung des Nordatlantiks. Auf dem Weg in den Norden kühlt das Meerwasser ab. Dieses kältere und zugleich salzreichere Meerwasser sinkt bei Grönland in die Tiefe und strömt als Tiefenwasser zurück in Richtung des Äquators. Dieser Mechanismus sorgt für ein mildes Klima in West- und Mitteleuropa und beeinflusst globale Wetter- und Niederschlagsmuster.
Abb. 1: Schematische Darstellung der Atlantischen Meridionalen Umwälzzirkulation (AMOC) einschließlich des Golfstromes. Quelle: IPCC 6th Assessment Report, abgerufen am 22.07.2026.
Modellierung der zukünftigen Entwicklung
Dass sich die AMOC im Zuge des Klimawandels abschwächen wird, gilt unter Klimaforschenden als gut belegt. Weniger klar war bislang, welchen Einfluss das immer stärker werdende Abschmelzen des Grönländischen Eisschildes auf diese Entwicklung hat. Viele der heute verwendeten Klimamodelle berücksichtigen den zusätzlichen Süßwassereintrag nur unzureichend. Genau diese Lücke schließt die kürzlich erschienene Studie. Mithilfe eines aktuellen Klimamodells wurde die Entwicklung der AMOC bis zum Jahr 2300 simuliert – einmal mit und einmal ohne grönländische Schmelzwassereinträge. Dabei wurden physikalisch plausible Schmelzraten verwendet, die aus einem gekoppelten Klima-Eisschild-Modell stammen.
Wichtigste Ergebnisse
Die Forschenden konnten zeigen, dass das Grönland-Schmelzwasser die Abschwächung der AMOC tatsächlich verstärkt. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts fällt dieser zusätzliche Effekt gering aus, denn im Mittel nimmt die Abschwächung um etwa zehn bis zwanzig Prozent gegenüber Simulationen ohne zusätzliches grönländisches Schmelzwasser zu. Nach 2100 wächst der Einfluss jedoch deutlich. Bis zum Ende des 23. Jahrhunderts trägt das Schmelzwasser dazu bei, die AMOC um bis zu 40 Prozent stärker abzuschwächen als durch den Treibhauseffekt allein.
Besonders interessant ist die Frage nach einem möglichen Kipppunkt. Frühere Studien hatten darauf hingewiesen, dass die AMOC bei zunehmendem Süßwassereintrag plötzlich zusammenbrechen könnte. Die neue Untersuchung findet dafür jedoch keine Hinweise. Statt eines sprunghaften Einbruchs schwächt sich die Zirkulation kontinuierlich ab.
Die Forschenden untersuchten außerdem, ob sich die AMOC nach einem späteren Rückgang der CO₂-Konzentrationen wieder erholen könnte. In ihren Simulationen erweist sich die Abschwächung als reversibel. Denn selbst nach Jahrhunderten mit starkem Schmelzwassereintrag gewinnt die Zirkulation wieder an Stärke, sobald die CO₂-Konzentrationen sinken beziehungsweise der zusätzliche Süßwassereintrag endet.
Fazit
Die neue Studie liefert eine wichtige Einordnung der aktuellen AMOC-Debatte. Sie zeigt, dass das Schmelzwasser des Grönländischen Eisschildes die Abschwächung der Atlantischen Umwälzzirkulation deutlich verstärkt. Einen abrupten oder unumkehrbaren Zusammenbruch konnten die Forschenden in ihren Modellrechnungen jedoch nicht nachweisen.