Einfluss der Datenqualität auf Klimaanpassungsmaßnahmen am Beispiel des deutschen Küstenschutzes

Veröffentlicht am 12.12.2025

In einer im Fachjournal Communications Earth & Environment veröffentlichten Studie untersuchten Meeresforscher die Qualität von Tiefenmessungen im deutschen Wattenmeer und deren Einfluss auf die Klimaanpassungsmaßnahmen. Die Studie zeigt: Die Messdaten, auf denen viele Bewertungen zur Widerstandsfähigkeit unserer Küsten beruhen, sind unzureichend, teilweise falsch oder nicht mit einheitlichen Methoden ausgewertet worden. Diese Bathymetriedaten können jedoch den Eindruck erwecken, die deutschen Küsten seien stabiler als sie durch den fortschreitenden Klimawandel tatsächlich sind – mit weitreichenden Folgen für ihren Schutz. So sind konsistente Datensätze notwendig, um die erforderlichen Anpassungsmaßnahmen an den steigenden Meeresspiegel realistisch abschätzen zu können.

Datengrundlage, Methoden und Ergebnisse
Für ihre Studie nutzten die Wissenschaftler 25 hochaufgelöste bathymetrische Datensätze aus der Zeit von 1998 bis 2022. Dabei umfassten die Daten die komplexen deutschen Küstenzonen, bestehend aus Flussmündungen und dem Wattenmeer mit seinen kleinskaligen Strukturen wie Priele oder Rinnen. Solche Bathymetriedaten sind unerlässlich, um beurteilen zu können, wie die deutschen Küsten auf den steigenden Meeresspiegel durch den Klimawandel reagieren. Denn die Resilienz einer Küste hängt davon ab, ob die Sedimentation – das Wiederauffüllen von Material – mit dem Meeresspiegelanstieg Schritt halten kann. Die Studie zeigt ein grundsätzliches Problem: Die Datensätze, aus denen die Bathymetriemodelle generiert werden, stammen von unterschiedlichen Messsystemen – von optischen Messungen wie LiDAR über Satelliten bis hin zu akustischen Verfahren mittels Sonar. Insbesondere in früheren Untersuchungen wurden diese Messdaten unterschiedlicher Genauigkeit sowie verschiedenster räumlicher und zeitlicher Auflösung mittels unzureichender Auswertemethoden kombiniert. Die Autoren der Studie stellten dabei fest, dass frühere Untersuchungen gerade in den Messjahren mit niedriger Auflösung die Ergebnisse verzerrten, so dass die Fehler sogar die Größenordnung des tatsächlichen Meeresspiegelanstiegs erreichten oder übertrafen. In der aktuellen Studie wurde daraufhin eine analytische Methode entwickelt, um Inkonsistenzen in bathymetrischen Datensätzen zu identifizieren und von der Auswertung auszuschließen. Weiterhin wurde eine Homogenisierungsmethode zur Minimierung der Fehler angewendet. Die Abb. 1 zeigt das Ergebnis:

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Bewertung der Widerstandsfähigkeit der deutschen Küsten gegenüber dem Meeresspiegelanstieg für den Zeitraum 1998–2022. Bisherige Einschätzung basierend auf den ursprünglichen Daten (a) und Ergebnis der neuen Studie auf Grundlage homogenisierter Daten (b).

Abb. 1: Bewertung der Widerstandsfähigkeit der deutschen Küsten gegenüber dem Meeresspiegelanstieg für den Zeitraum 1998–2022. Bisherige Einschätzung basierend auf den ursprünglichen Daten (a) und Ergebnis der neuen Studie auf Grundlage homogenisierter Daten (b). Quelle: Fachjournal Communications Earth & Environment, abgerufen am 12.12.2025.

Bei einem Vergleich der bisherigen Einschätzung mit dem Ergebnis der neuen Studie wird klar, dass die Sedimentablagerung in vielen Bereichen des Wattenmeeres überschätzt wurde. Frühere Untersuchungen gingen bisher davon aus, dass die meisten Küstenzonen flacher werden und den fortschreitenden Meeresspiegelanstieg ausgleichen (siehe Abb.1: grüne Flächen). Doch die neueren Untersuchungen zeigen, dass das nicht überall der Fall ist. Viele der Tidenbecken der deutschen Küste sind von Erosion geprägt (siehe Abb. 1: rote Flächen). Sie halten nicht mehr mit dem Anstieg des Meeresspiegels Schritt.

Fazit
Wenn Datenreihen und Auswertemethoden von Bathymetriedaten selbst systematische Fehler enthalten, besteht die Gefahr, dass Klimarisiken unterschätzt werden. Wird dadurch ein „falscher“ Trend erzeugt kann die Selbstheilungskraft von Küsten überbewertet werden – ein Trugschluss, der sowohl die Ökosysteme als auch Menschen gefährden kann. Schutzmaßnahmen würden nicht ausreichend dimensioniert werden und Küstenschutzprogramme könnten ins Leere laufen. Das bedeutet aber auch im übertragenden Sinne, dass die Klimaanpassung mit präzisen Datenreihen und verlässlichen Auswertemethoden beginnt. Nur so lassen sich die notwendigen Klimaanpassungsmaßnahmen in verschiedenen Handlungsfeldern richtig auswählen.